Positionen

In loser Folge folgen hier persönliche Beiträge zu aktuellen Designfragen – solide, subjektiv, streitbar!


Wann endlich kommt das Lenkerschloss fürs Rad?

03.06.2021

Fotomontage: Lenkerschloss fürs Fahrrad.
Fotomontage: Lenkerschloss fürs Fahrrad.

Das Abstellen von Fahrrädern war Thema meiner Diplomarbeit 1997. Dabei ging es auch um Diebstahl und das „Weniger ist mehr“. Entstanden war damals die Idee für „Fahrrad-Poller“, in die sich Fahrräder mit einem Adapter anschließen lassen sollten. Direkt vom Rahmen aus sollte ein Schließ-Mechanismus das Rad mit dem Poller verbinden. Ziel war, Diebstahl zu verhindern, indem ein so angeschlossenes Fahrrad beim Diebstahl zerstört und damit wertlos würde.

 

Weitergedacht würde ein Lenkerschloss im Steuerrohr das Rad sichern, indem es durch Aufbrechen unfahrbar und wertlos würde. Ein wertloses Rad wird niemand stehlen wollen.

 

Stattdessen werden Jahr für Jahr neue, teure, schwere Schlösser auf den Markt geworfen. Sie alle haben einen entscheidende Schwäche: Das Schloss ist immer nur additiv, Zubehör. Aber erst wenn der Diebstahl das Diebesgut selbst entwerten würde, wäre eine neue Qualität im Diebstahlschutz erreicht. Wie lange werden wir darauf noch warten müssen?

Entwurf für Fahrradpoller mit Anschließadapter. (Diplom 2019)


Fremdschämen auf offener Straße – die Autobahn GmbH

22.07.2021 | eine Glosse

Unfassbar – nun gibt es tatsächlich so eine Art eine Deutschland-GmbH! Offiziell benannt als „GmbH des Bundes“ verwaltet sie alle Autobahnen Deutschlands, ist also unmittelbar verantwortlich für das gefühlte Herz des Landes, Puls und „Lebensader“. Ein Projekt offenbar ganz nach dem Geschmack von Minister Scheuer.

Geschmacklos und Inbegriff der Peinlichkeit: das Logo der Gesellschaft. Die beschränkte Haftung scheint schon hier zu greifen. Handwerklich ein Aushängeschild zum Fremdschämen! Wäre es ein Straßenbaubetrieb, was würde es kümmern? Ein Putzigkeit unter vielen. Und auch so manche Marke aus eigener Feder hätte Kritik verdient. Aber als „Die Autobahn GmbH des Bundes“ ist dieses hier von staatstragender Dimension, wird von uns allen getragen. Und der Verdacht liegt nahe: Da hat man aus Steuermitteln ordentlich was springen lassen! Oder selbst gebastelt. Die Staatskasse muss haften, unbeschränkt.

Zu den harten Fakten! Ins Auge springt schon die Herkunft der Idee – StVO-Schild Nr. 330: Autobahn. Aber wie schön ist dort das Piktogramm im Verkehrszeichen: Ausgewogen sind Flächen und Kontraste, die Anmutung der Ferne perspektivisch überzeugend stark vermittelt, die Brücke ist eine Brücke, der Weg führt hindurch. Das GmbH-Logo dagegen macht die Grätsche, zwischen den Fahrspürchen prangt einen Grünsteifen in Ackerbreite. Wer den Blick zum Horizont nicht scheut, muss erkennen: Dieser Weg hier lohnt sich so was von gar nicht! Er führt nicht in die Ferne, sondern in die Irre! Über eine Wendeschleife geht es zurück von wo man kam. Was soll das? Positiv gedeutet vielleicht Inbegriff für Baustellen, Umleitungen, Überraschungen. Hier steht und dreht man schon seit Stunden Runden über Runden...

Aber es kommt schlimmer: Gar nicht zimperlich dann der schwarz-rot-goldne Balken! Direkt aus dem hoheitlichen Logo der Bundesregierung wurde er kopiert und einfach um- und flachgelegt – als Rohr quer über die Straße! Es scheint, als wären beim Gestalten alle Promille-Grenzen und Bedenken gefallen. Bahn frei für die Deutschland-Pipeline! Dann der Gipfel der Einfallslosigkeit: Outlines. Als Outline kommt daher, was beim Entwerfen schon traurig wirkte. Das Nichts wurde gewaltig aufgeblasen und in eine fragile Hülle gesteckt. Mit dem Ergebnis, dass aus dem schier endlosen Asphaltband optisch Hackstückwerk wurde und es nun überall ein Ende findet. Vor den Füßen beginntend endet es schon Meter später an der Pipeline-Trasse. Die immerhin nehmen die Outlines ordentlich in die Mangel und zerquetschen das Rohr, so dass ungehindert gelb das Gas auszuströmen scheint.

Schließlich die Typografie. Stiehlt brutaltsmöglich dem Signet jede letzte Show. Der Artikel fällt seinem Substantiv gehörig wuchtig auf die Decke und setzt energisch an, äußerst links zu überholen. Schließlich müsste die Strichstärke der Buchstaben das Signet mit seinen Umrisslinchen vor Neid erplatzen lassen. Das Logo ist und bleibt ein Elend – oder Witz? Das Lachen über Deutschlands Dauerbaustellen auf den Autobahnen hat damit immerhin nun eine Krone bekommen. Als Gipfel und nicht in Würde. Echt bescheuert!


„Abgestellt und zugeparkt“

07.10.1997

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Diplomarbeit „Abgestellt und Zugeparkt“ – Fahrradparken im öffentlichen Raum. Hochschule für Kunst und Design Halle, Burg Giebichenstein 1997
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Gut gereift und frisch gescannt – von vor über 20 Jahren gibt es jetzt hier meine Diplomarbeit, theoretischer Teil. Ich finde sie noch immer lesenswert und weitgehend gültig. Über manche Aspekte lässt sich streiten, einige Punkte würde ich heute inhaltlich überarbeiten bzw. anders formulieren. Aber alles in allem ein Beitrag zur Debatte um die Nutzung öffentlicher Räume!
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Diplom 1997 Stephan Arnold.pdf
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